Ich reagiere immer über, wenn mir jemand auf Instagram entfolgt

Ob ich eine Person mag oder nicht, mache ich mit Vorliebe davon abhängig, ob sie mir auf Instagram folgt. In einem mühsamen aber notwendigen Prozess wähle ich die „Abonnenten“-Liste des jeweiligen Opfers aus und suche darin nach meinem eigenen Instagram-Namen – michibuchinger. Dass mein Handy alt und langsam ist macht diesen Moment besonders nervenaufreibend und einem haarsträubenden Staffelfinale von „Austria’s Next Topmodel“ nicht unähnlich.

Während dieses Vorgangs fühle ich mich meistens – ich gebe es ja zu – unfassbar armselig. Hoffnungsvoll nachzusehen, ob eine Person mir auf Instagram folgt, gibt mir das gleiche Gefühl wie damals beim Schulsport, als ich völlig naiv hoffte, mal nicht als letzter, sondern vielleicht als vorletzter oder gar vorvorletzter gewählt zu werden – für gewöhnlich ohne Erfolg. Die Erwartungen sind hoch und meistens werde ich enttäuscht.

Umso tiefer saß der Schock, als ich bei einer meiner routineartigen Instagram-Kontrollen feststellen musste, dass mir Julia – eine meiner treuesten Followerinnen – nicht mehr folgte. Um völlig ehrlich zu sein kannte ich Julia nicht wirklich und folgte ihr nichtmal, aber sie war mir dafür bekannt, jedes meiner Fotos zu liken, zu kommentieren und dann ihre Freunde darunter zu verlinken, ohne Zweifel um ihnen zu sagen: „Lisa, Claudia, bitte seht euch diesen Typen mal an – er ist einfach nur köstlich!“.

Geschmeichelt schmunzelte ich stets über ihr Lob und dachte nicht mal im kühnsten Traum daran, auch nur irgendwie darauf zu reagieren. Warum auch? Auf Julia war Verlass, sie war immer da und ich konnte mir sicher sein, dass sie unter jedem einzelnen Bild ihren Support zeigen würde. Es war sicherer als das Amen im Gebet und vorprogrammiert wie rote, trockene Lippen und Juckreiz am ganzen Körper nach einem Abend mit einer Flasche Rotwein (Histamin-Intoleranz olé).

Doch ähnlich wie mein jugendlicher Stoffwechsel, bei dem ich alles essen konnte, ohne zuzunehmen, ließ mich auch meine treue Followerin Julia irgendwann im Stich.

Obwohl die Leute ja immer mutmaßen, dass Instagram-Persönlichkeiten mit über 10.000 Followern ein kleines Unfollow gar nicht erst auffällt, ließ mir die „Causa Julia“ letzten Monat einfach keine Ruhe. Was war es, das meiner einst so treue Verfolgerin plötzlich die Lust an mir vertrieb?, fragte ich mich, während ich an einem trüben Herbst-Tag durch die Straßen Wiens schlenderte und dabei so aussah, als wolle ich Adeles „Someone Like You“-Musikvideo nachstellen.

Hat sie sich mehr Outfits of the Day erwartet? Weniger Werbung? Cleverere Bildunterschriften? Wehmütig dachte ich zurück an all die guten Zeiten die wir gehabt hatten, wie etwa dieses eine Mal, als Julia unter einem Foto von mir „Coole Sonnenbrille, Michael!“ kommentierte oder mir um 3 Uhr morgens eine Direktnachricht voll von Herzen schickte, auf die ich natürlich nicht reagierte. Ah, those were the days!

Schon bald erwischte ich mich dabei, Julias Profil täglich zu kontrollieren, wie ich es sonst nur mit den Profilen meiner Feinde oder Blogger, die erfolgreicher und dünner als ich waren, tat. Ich wurde regelrecht besessen davon, zu wissen, wie sie sich meine verflossene Followerin die Zeit vertrieb. Minutenlang musterte ich ein Bild, auf dem Julia einen Pumpkin Spice Latte schlürfte und fragte mich, ob der fehlende #coffeecontent auf meinem Account der Grund war, aus dem good old Julia ihrem Followerdasein schließlich ein Ende setzte.

Spätestens, als ich auf ihrer „markierte Fotos“-Seite im Jahr 2015 angekommen war, dämmerte mir, wie grausam sich das Blatt gewendet hatte: Es gab eine Zeit, in der Julia völlig besessen von mir war und ich sie keine Sekunde lang beobachtete, doch sobald sie mir den Rücken zukehrte, sehnte ich mich nach ihrer Aufmerksamkeit, wie ich mich sonst nur nach der Aufmerksamkeit muskulöser Männer im Fitness-Studio sehne.

Obwohl Julia mir seit mittlerweile 42 Tagen (aber wer zählt schon? AHAHAHA) nicht mehr folgt, habe ich definitiv meine Lektion gelernt: Besonders jene Leute, die einen immer ohne Unterlass unterstützen, sollte man nicht als selbstverständlich ansehen, sondern sich regelmäßig bei ihnen für ihren Support bedanken. Denn wer wäre ich denn, ohne nette Menschen, die mich unterstützen? Nur ein Junge, der zur Schulzeiten beim Sport immer als letzter gewählt wurde.

In diesem Sinne: Danke!
Und: Ich werde jetzt wieder öfter bloggen! Danke für eure Geduld!

– Michael

PS: Ich habe meine Lektion gelernt, Julia! Du kannst mir jetzt also ruhig wieder folgen!

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