Et tu, Simon? Oder: Lasst mir bitte meine Wochenenden!

Ich möchte euch gerne unterschwellig darauf hinweisen, dass ich in letzter Zeit sehr viel Stress hatte: Abgabetermine, Autogrammstunden, Lesungen und Video-Drehs füllten meinen Terminkalender, wie es vor einem halben Jahr noch Brunch-Dates taten. Ich will hier gar keinen dieses „Ich bin so gestresst“-Blogger-Gejammers bringen, bei dem ich meinen Stress als Statussymbol sehe – im Gegenteil, ich beneide jeden, der seine Quality Time mit Freunden und Familie nicht erst in einem Google Doodle koordinieren muss und würde sofort mit dieser Person tauschen!

Mittlerweile bin ich zum Glück relativ gut darin, meinen Stress in den Griff zu bekommen. Sport, Schlaf und vor allem die Heilighaltung meiner Wochenenden helfen mir enorm. Es mag schon sein, dass ich in letzter Zeit so viele Termine hatte, als wolle ich damit im Guinness-Buch der Rekorde verewigt werden, aber jeden Freitag um Punkt 18 Uhr startete ich mit einem erleichterten Raunen und einem überdimensionalen Glas Wein in das Wochenende, wie jedes normale Arbeitstier, das insgeheim davon träumt, das Land zu verlassen und sich ein völlig neues Leben in Ungarn aufzubauen.

„Keine geschäftlichen Termine am Wochenende!“ wurde meine goldene Regel, ähnlich wie es dieser „Was du nicht willst, dass man dir tu…“-Kack in der katholischen Kirche ist. Wochenenden waren dann für mich da, um zu entspannen, mir Zeit für mich zu nehmen und Freunde zu treffen. Freunde wie Simon zum Beispiel, der sich eines Tages aus heiterem Himmel wieder bei mir meldete.

Um ehrlich zu sein war ich ein bisschen überrascht, als mein alter Freund Simon sich nach 4 Jahren ohne Kontakt wieder bei mir meldete und fragte, ob ich am Sonntag Zeit für „einen spontanen Kaffee und einen kleinen Plausch“ hatte, wie er es in seiner Facebook-Nachricht formulierte. Offenbar war Simon in den letzten 4 Jahren ganze drei Dekaden gealtert, da er einen „spontanen Kaffee“ fünf Tage im Voraus planen wollte und Phrasen wie „kleiner Plausch“ verwendete.

Doch meine Freude war zu groß, um seine Nachricht zu lange zu analysieren. Simon war vor mehrere Jahren einer meiner besten Freunde gewesen und wir hatten uns schlichtweg auseinandergelebt. Um ehrlich zu sein dachte ich doch relativ oft an ihn und konnte es kaum erwarten, Updates aus seinem Leben zu hören und in alten Erinnerungen zu schwelgen, wie etwa an dieses eine Mal, als wir uns beim Ausgehen in genau der gleichen Sekunde übergeben mussten. Classic!

„Ja, na klar!!!“ antwortete ich, so enthusiastisch, wie ich mich sonst nur über ein neues Britney Spears Album zeigte und wir fixierten unsere Pläne für das kommende Wochenende. Doch ähnlich wie bei jedem Britney Spears Album, erwartete mich am kommenden Sonntag eine herbe Enttäuschung und das nicht, weil Simon ein Musikvideo mit David Lachapelle filmte und sich dann entschied, es nicht zu veröffentlichen!

Bei Kaffee und Kuchen philosophierte Simon satte zehn Minuten lang über die vergangene Zeit und gab Updates aus seinem Leben in einem verlegenen und lustlosen Ton, den ich höchstens an den Tag lege, wenn ich beim Check-Out aus einem Hotel aufzählen muss, was ich alles aus der Minibar konsumiert habe. Nach diesen lauwarmen Freundlichkeiten kam mein Gegenüber zum eigentlich Grund dieses „spontanen Treffens“: Die App, die er gerade entwickelte, für die ihm allerdings aber noch der passende Influencer als Testimonial fehlte.

Ihr alle riecht den Braten bestimmt jetzt schon, aber bei mir dauerte es noch ein bisschen. Erst, als Simon mich direkt fragte, ob ich denn nicht mit ihm zusammenarbeiten wolle und mir von 5-Jahres-Plänen und Investoren erzählte, dämmerte mir, dass das eigentlich gar kein spontanes, freundschaftliches Treffen war, sondern ich doch tatsächlich auf heimtückische Weise an einem meiner mir ach-so-heiligen Wochenenden in ein Business-Meeting gelockt wurde. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, wurde unser Simultan-Erbrechen mit keinem einzigen Wort erwähnt!

In der Situation war ich gar nicht so verärgert und habe Simon auch nicht auf sein Fehlverhalten hingewiesen, aber je mehr ich über dieses Unterfangen nachdenke, desto frecher finde ich es. Jemanden in seiner Freizeit unter dem Vorwand eines freundschaftlichen Treffens in ein Café zu locken, nur um dann stundenlang über eine App-Idee zu schwafeln, die den Löwen in der „Höhle der Löwen“ keinen Cent wert wäre, ist schon ziemlich frech.

Ihr merkt schon, dass dieser Blog-Eintrag einfach nur als langer Hass-Punkt gilt, der für mein YouTube-Format „Michaels Hass-Liste“ einen Deut zu lang ist, da die YouTube-Zuschauer von heute über die Aufmerksamkeitsspannen von Goldfischen verfügen. Wenngleich mein Ärger über Simon schnell wieder verflossen war, möchte ich doch allen meinen LeserInnen empfehlen, Simon-artiges Verhalten unter keinen Umständen zu dulden. Genießt eure Wochenenden!

Natürlich bin ich auch für geschäftliche Gespräche offen, aber nur von Montag bis Freitag zwischen 10 und 18 Uhr.

Bussi,
euer Michi

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4 Comments

  1. Jenny 1. Dezember 2017 / 2:51 pm

    Recht so.
    Wunderbar auf den Punkt gebracht!

  2. Sandie 3. Dezember 2017 / 11:44 am

    Es ist fast wie ein kleines Wellness-Programm deine Blog-Einträge, Instagram Stories oder YT-Videos gemütlich sonntags auf der Couch zu genießen. Danke! 🙂 (Mit dem Buch bin ich leider längst fertig)
    Normal müsste man aufstehen und das „Meeting“ verlassen – ich brächte es wohl auch nicht fertig, so spontan und konsequent zu reagieren. Und hinterher ärgert man sich. Eigentlich doppelter Zeitraub! 😉

  3. Jackowusch Wusch 3. Dezember 2017 / 10:31 pm

    Das war großartig! Und ich fühle da schmerzhaft mir. Auch ich traf sie. Die Simons.

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