Sag niemals nie: Wie ich lernte, das Gym zu lieben

Ich bin immer offen für Neues, aber ich wollte nie einer dieser Menschen werden, die regelmäßig ins Fitnessstudio gehen. Das aus dem Grund, dass ich solche Menschen abgrundtief verachte: Alles, was aus ihrem Mund kommt, dreht sich um Sport und sie schaffen es, ihre Ausflüge ins „Gym“ (wann haben wir aufgehört, Fitnessstudio zu sagen?) öfter zu erwähnen als ich die Tatsache, dass mir mein Lieblings-Barista manchmal einen Gratis-Sirup-Shot in meinen Kaffee gibt. GRATIS!

Ähnlich wie bei Schaumpartys und Fidget Spinners war ich nahezu stolz darauf, diesen Trend nicht mitzumachen und hatte für Leute, die isotinische Sportgetränke aus knallbunten Trinkflaschen nuckeln nur ein müdes Augenrollen übrig. Eher würde ich mir die Lippen tellern lassen, als so ein Fitness-Freak zu werden. Doch wie es im Leben nunmal meistens so ist, kam schließlich doch alles anders als gedacht.

Gewillt, die extra fünf Kilo, die ich zugenommen habe, als ich im Herbst Zimtschnecken für mich entdeckt habe, wieder abzunehmen, meldete ich mich klammheimlich und mehr als nur ein bisschen beschämt im günstigsten „Gym“ an, das ich finden konnte: 20€ monatlich, mit unzähligen Nebenkosten – Duschen kostet extra, genauso wie Getränke und die Schließfachnutzung. Manchmal bin ich versucht, Wasser aus der Wasserleitung zu trinken, aber ich habe Angst, dass es extra kostet.

Diese Wandlung scheint für mich in etwas so uncharakteristisch, als würde ich von einem Tag auf den anderen beschließen, den Sarkasmus an den Nagel zu hängen und mir ein neues Leben als Kindersendungs-Moderator aufzubauen. „Sobald ich das Gewicht abgenommen habe, melde ich mich wieder ab!“, sagte ich mir also – die größte Selbstlüge seit „Wieviel Kalorien kann eine Zimtschnecke schon haben? 95?“.

Es ist mir äußerst unangenehm und ich erzähle es auch nicht vielen Leuten – außer euch, liebe Leser – aber ich liebe das Gym und bin dort nun wöchentlich mindestens genau so oft anzutreffen, wie sonst nur während der Happy Hour in meiner liebsten Kneipe.

Mit einer bunten Trinkflasche in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen marschiere ich an den anderen Fitness-Freaks vorbei. „Wow Fabian, das nenne ich mal einen krassen Bizeps! Na Philipp, neue Frisur? “, jaule ich am Weg in die Garderobe. Nicht nur habe ich mich im Gym schon eingelebt; ich habe hier auch jetzt Freunde. Man möchte meinen, der alte Michael sei gestorben und von einem unheimlich schlechten Schauspieler ersetzt worden.

Ich bin wahrlich überrascht von mir selbst. Im Rahmen dieser persönlichen Weiterentwicklung habe ich zwei wichtige Dinge über mich gelernt: Erstens, dass ich es offenbar (sogar mehr noch als Zimtschnecken) liebe, mich mehrmals die Woche körperlich auszupowern und danach um einiges besser gelaunt bin. Schon seit Monaten habe ich keinen einzigen meiner Mitmenschen getreten.

In zweiter Linie habe ich aus dieser Episode gelernt, niemals nie zu sagen, besonders was Trends betrifft: Ich hätte mir nie erträumt, gerne ins Gym zu gehen, aber jetzt ist es praktisch mein zweites Zuhause. Wer weiß? Als nächstes lasse ich mir wahrscheinlich die Lippe tellern und bin auf der nächsten Schaumparty anzutreffen, wo ich verrückte Kunststücke mit meinem Fidget Spinner vorführe.

– Michael

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1 Comment

  1. synkope 24. Januar 2018 / 2:40 pm

    Hallo Michael,

    das ging mir lange auch so – ich hatte einfach viele Vorurteile gegenüber Fitnessstudios und ihren Besuchern. Inzwischen ist es für mich zu einer Art Oase geworden, wo ich mich auspowern kann. Sich frei davon zu machen und sich überwinden etwas auszuprobieren, wovon man eigentlich überzeugt ist, dass es konträr zum Selbstbild ist („so bin ich nicht“/“ich bin keiner von DENEN“) erweitert den Horizont und befreit. Etwas, was einem in allen Lebensbereichen gut tut. In diesem Sinne – schön dass du den Schritt geschafft hast 🙂

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