5 Dinge, die ich an Österreich vermisse

 
 

„Ich glaube, das wird super für uns!“, sagte ich übertrieben heiter zu meinem Freund, am Tag, bevor ich nach Berlin umzog. „Wir werden uns all das viel mehr zu schätzen wissen!“ – ich deutete an dieser Stelle mit ausgebreiteten Armen im nahezu leeren Raum herum und hoffte, er würde verstehen, dass ich mit „all das“ unseren gemeinsamen Alltag meinte, den wir für das kommende halbe Jahr nicht mehr haben würden.

Erwartungsvoll blickte ich mein Gegenüber an. Eine Sekunde verstrich, dann antwortete er trocken: „Also ich weiß ja nicht, wie das bei dir ist, aber ich weiß mir all das jetzt schon ziemlich stark zu schätzen.“ 

Ich musste lachen. Es stimmte ja: Mein Leben in Wien hat mir schon immer gefallen und ich habe mir eigentlich auch nie etwas anderes gewünscht, aber meine Umzugs-Kisten waren zu diesem Zeitpunkt bereits am Weg in die deutsche Haupstadt. Abgesehen von den Dingen, von denen ich mir klar war, dass ich sie vermissen würde (meinen Freund, Joseph Brot und die „NENI am Tisch“-Produkte von Spar), habe ich mir tatsächlich ein paar unerwartete Schätze zu…naja…schätzen gelernt.

 

1. La familia
Ich weiß, was ihr denkt: „Was, Michael? Du hast dir deine Familie nicht zu schätzen gewusst? Was für ein Unmensch bist du bitte? Ich spucke gleich auf dich!“ Das stimmt natürlich nicht, also bitte zügelt euren Speichel. Aber da ich im Alter von 18 von zuhause ausgezogen bin, habe ich mich daran gewöhnt, mit diesen lieben Menschen großteils über Telefon und E-Mail zu kommunizieren. Naiv wie ich bin, dachte ich mir daher, dass mir der Umzug in dieser Hinsicht gar nicht auffallen würde – ob ich nun von Wien ins Burgenland eine Mail schickte, oder von Berlin ins Burgenland war auch schon egal. Doch ganz so stimmt das nicht: In Wien hatte ich die Möglichkeit, einfach in den nächsten Zug zu springen und innerhalb einer Stunde bei meiner Familie sein zu können, auch wenn ich das selten getan habe (besonders, wenn man meinen Großmüttern glaubt). In Berlin müsste ich dafür fliegen, Bus fahren, oder aber eine Mitfahrgelegenheit nutzen, und ich hasse Smalltalk mit Fremden!

2. Wiener Hochquellwasser

Wenn ihr in Wien wohnt und anstatt Wasser aus der Leitung lieber stilles Mineralwasser in Flaschen trinkt, räume ich mir das Recht ein, auf euch zu spucken (Können wir bitte anfangen, auf Leute zu spucken, wenn uns ihr Verhalten nicht passt?). Wiener Hochquellwasser ist nämlich S-U-P-E-R! Meine Berliner Freunde erklärten mir gleich nach meiner Ankunft, dass das Berliner Wasser ebenfalls Trinkwasserqualität habe und einfach top schmecke, aber das war eine freche Lüge (zumindest, was das Wasser in unserer WG betrifft). Klar, ich habe nichts gesagt und ließ ihnen den Stolz – wer bin ich denn, ihre Trinkwasserqualität zu beleidigen? – aber „top“ ist anders. „Yummy!“, sagte ich also, während ich mich zwang, ein Glas Berliner Leitungswasser zu trinken und kam mir dabei vor, als würde ich die absolut hässliche Zeichnung eines kleinen Kindes loben. Es ist nicht fürchterlich, aber auch nicht gut – ähnlich wie Glee. Bitte trinkt mehr Wasser, liebe Wiener.

 

3. Kaffeehäuser 
In meinem liebsten Wiener Kaffeehaus tragen alle Kellner Anzüge und sind immer ein bisschen kess drauf. „Koffein in welcher Form?“, fragt mich ein besonders erinnerungswürdiger Kellner immer und ich lache jedes Mal, obwohl ich das schon mindestens 10 mal gehört habe und er es vielleicht gar nicht lustig meint. Nachdem ich bezahlt und Trinkgeld gegeben habe, sagt er stets „Nette Leute, fette Beute!“ Und es ist das gleiche Spiel wie vorher: Ich kenne es schon, lache aber trotzdem. Vielleicht vermisse auch gar nicht die Wiener Kaffeehäuser, sondern einfach nur diesen Kellner.

4. Freunde – nah und frisch
Ich habe mich oft darüber beschwert, dass Wien ein Dorf ist und man nicht einmal mit fettigem Haar das Haus verlassen kann, ohne gleich all deine Ex-Freunde auf einmal bei ihrem wöchentlichen „Wir haben gepflegtes Haar!“-Spaziergang zu treffen, bei dem sie hochnäsig an dir vorbeigehen und auf dich spucken. 
In Berlin könnte ich mitten am Alexanderplatz stehen und Currysauce in mein Haar einmassieren, und es würde wohl niemanden kratzen. Manche Leute würden es vermutlich sogar für ein „Kunst Projekt“ halten und mir Geld schenken. 
Besonders beim Ausgehen vermisse ich es, zufällig Bekannte zu treffen.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in Berlin nicht allzu viele Freunde habe, oder aber daran, dass viele meiner Wiener Freunde mehr oder weniger aus der gleichen Szene kommen, aber wenn ich in Wien auf eine größere Party gehe (was vielleicht einmal im Quartal vorkommt und auch nur dann, wenn mir meine Begleitpersonen versprechen, sich im Laufe des Abends einen Snack vom Würstelstand mit mir zu holen), kann ich damit rechnen, dort 70% meines Freundeskreises zu treffen.
Das liegt vor allem daran, weil es in Wien nicht soooo viele tolle Party-Locations gibt. In Berlin existieren coole Clubs wie Sand am Meer – wer weiß: wo letzte Woche noch ein Kloster war, könnte diese Woche schon der neue It-Club aufmachen! Das ist natürlich echt töfte, aber manchmal finde ich es leiwaund, in einen Club oder eine Bar stolpern zu können, „das Übliche“ zu bestellen (ein Glas gelber Muskateller, das bitte wortlos aufgefüllt werden soll) und Freunde zu treffen, die ich zwar mag, aber nicht so sehr, dass ich mich tagsüber und/oder nüchtern mit ihnen treffen würde. 

5. Wien macht mich langsam, und das ist gut
Berlin ist ein Paradies des Multi-taskings und der schnellen Befriedigung. Wenn ich um 5 Uhr morgens ein Bier haben möchte, gehe ich zum Späti und hole mir eines. Letztens habe ich um 23 Uhr ein Buch ausgelesen und bin zu Dussmann (einem riiiiesigen Buch-Laden), um mir ein neues zu holen. Meine Amazon-Bestellungen kommen innerhalb eines Tages an, einmal im Monat kann ich auch sonntags einkaufen und in vielen Supermärkten gibt es Selbstbedienungskassen, an denen alles ratzfatz geht. Das ist zwar super, macht aber einen ungeduldigen Menschen aus mir. Die sofortige Belohnung tötet meine Vorfreude. Ich ertappe mich dabei, wie ich wütend werde, wenn jemand in einer Einkaufsstraße vor mir geht und „bummelt“ oder „sich Zeit nimmt“. „ZEIT NEHMEN KANNST DU DIR WENN DU TOT BIST!!!“, denke ich mir dann und rase wütend vorbei.
Manchmal sehne ich mich nach Wien, wo es nach 19 Uhr einfach (fast) keine Einkaufsmöglichkeiten mehr gibt, oder gar nach meinem heimischen Burgenland, wo sowieso um 17:00 die Gehsteige eingerollt werden. Ich freue mich auf den Feinkostladen im Nachbardorf, der am Dienstag und Donnerstag zwei Stunden geöffnet hat, und wer die verpasst hat Pech gehabt. Während ich diese Zeilen tippe, stehe in der Berliner U-Bahn, habe zwei Einkaufstüten (Sackerl?) in der Hand und notiere in einem anderen Dokument Video-Ideen. Ich bin ein Maniac. Bitte stoppt mich.

Das klingt jetzt natürlich so, als würde ich meine Zeit in Berlin HASSEN, was natürlich ganz und gar nicht stimmt. Ich habe noch zwei fabelhafte Monate in der deutschen Haupstadt vor mir und werde auch diese in vollen Zügen genießen. Und nein, das sage ich nicht nur, weil ich Angst habe, dass alle Berliner auf mich spucken.

– Michael
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13 Comments

  1. su 17. Juni 2015 / 1:22 pm

    So viele Spuckerl in einem Post 😀 schöner Beitrag:)

  2. Carina-Anna Zichtl 17. Juni 2015 / 2:23 pm

    Ach Michael!! Ich brech weg!! :'-D Danke, dass ich dank dir, Wien jetzt noch mehr liebe und zu schätzen weiß! Mein Freund ist schon leicht genervt, weil ich ihm dauernd etwas Vorlesen will…“nur noch diesen einen Absatz…er ist auch wirklich ganz kurz“ hahaha

    Liebe Grüße
    Carina, die stolze Wienerin

  3. Luisa 17. Juni 2015 / 2:55 pm

    Wie nur noch 2 Monate? Ich dachte du bist ein halbes Jahr hier. und quasi erst seit vorgestern hier..

  4. Caro 17. Juni 2015 / 3:04 pm

    Genau das hab ich mir auch gedacht 😀

  5. Michael 17. Juni 2015 / 7:54 pm

    Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

  6. Michael 18. Juni 2015 / 9:38 am

    Danke dir, Su. Auf dich möchte ich nicht spucken!

  7. Michael 18. Juni 2015 / 9:39 am

    Haha, ich finde es schön, dass du meinen Text nutzt, um deinen Freund zu nerven. Weiter so!

  8. Michael 18. Juni 2015 / 9:39 am

    Ich bin aber schon seit März hier! Beste Grüße

  9. Vicky Freaky 18. Juni 2015 / 12:22 pm

    HEY! Nichts gegen unsere Wasserqualität in Berlin! Da sind wir sehr empfindlich! Frisch „gezapft“ schmeckt es TOP (danach etwas weniger top…)!

    Ja, Berlin ist anonym und schnell und jeder kann machen was er will und wann er will und niemand guckt einen blöd an. Das finde ich super, aber ich würde auch mal gerne erleben, was du in Wien beschreibst. Die Läden wechseln hier, die Angestellten, die Kellner, die Paketboten… Ich habe immer eine Zeit lang einen Späti-Besitzer der mich grüßt und stets weiß, was ich nehme. Da denke ich mir: hach, so muss sich Dorf anfühlen….

    Und ja, hier ist alles schneller. Das fällt mir aber nur auf, wenn ich mal wo anders bin. Kasse – schnell – Gehweg – schnell – U-Bahn – schnell – Rolltreppe – schnell. In anderen deutschen Städten reiße ich ungläubig meine Augen auf und denke: waaaaarum machen die alles so langsam…? Was für eine Zeitverschwendung… Da kommt man ja niemals weiter… Ich könnte schon längst zu Hause sitzen und Netflix suchten…

    Bitte mehr Berichte aus Berlin 😀

  10. - Luise - 21. Juni 2015 / 12:42 pm

    Ich habe so gelacht 😀
    Es ist ja nicht mehr lang… Vielleicht wirst du dann sogar
    Einen winzigen Punkt an Berlin vermissen 😀

  11. -kathy) 29. September 2015 / 5:37 pm

    Um eine unabhängige Meinung einzubringen:
    Ich war in Berlin und ich war in Wien. Berlin ist ja ganz cool und so, aber Wien! Wien ist einfach wunderbar♥! Michi, ich glaube wir werden bald Nachbarn 😀

  12. Unknown 12. November 2015 / 9:57 pm

    Ich kann sehr gut nachvollziehen was du mit Berlins Schnelligkeit meinst. Ich bin gebürtige Berlinerin und vor einem Monat nach Duisburg für mein Studium gezogen. Dieses Stadt ist wirklich nicht sonderlich schön aber auch hier gibt es ganz schnieke Ecken. Die Busse zur UNI kommen nur alle 15 – 20 Minuten und nach 20 Uhr oft gar nicht mehr, die Post liefert nicht an Samstagen und Feiertage wie „der Tag der deutschen Einheit“ finden hier irgendwie nicht statt. Aber nachdem ich mich dran gewöhnt habe, dass es nicht in jedem Supermarkt Club mate gibt, habe ich angefangen auch hinter die Fassade zu schauen und mir mehr Zeit zu nehmen und einfach mal langsamer zu machen. Erst wenn man von zu Hause weg ist, lernt man das alles erst richtig zu schätzen.
    Und was das Berliner Leitungswasser betrifft, das was hier aus der Leitung kommt, kann man noch weniger trinken 😉

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