Was ich aus Reality Shows gelernt habe

Schon seit Jahren schaue ich überdurchschnittlich viele Reality Shows und bin dabei auch nicht wählerisch: Von den Kardashians, bis hin zu fast allen Real Housewives und aus Nostalgie ab und an einer Folge The Hills befriedigt nahezu alles meinen Trash-Trieb. Bitte urteilt nicht über mich! Ich bin ein halbwegs normaler Mensch.

Manche normale Menschen koksen nach Feierband gern: Ich schaue Reality TV.

Nun liebe ich es auch, Dinge zu überanalysieren und da bilden Reality Shows natürlich keine Ausnahme. Warum finde ich diese Leute so spannend?, fragte ich mich oft. Sie sind doch genau wie du und ich, mit der einzigen Ausnahme, dass sie oft exzentrischere Namen wie etwa „Mama June“ oder „Sugar Bear“ tragen. Bis es mir eines Tages wie Schuppen von den Augen fiel.

(Ich möchte, dass ihr euch mich nun vorstellt wie einen alten Professor in einer staubigen Bibliothek, nur dass ich statt einem antiken Lexikon gerade eine Folge Newlyweds: Nick and Jessica inspiziere)

An Reality Shows liebe ich, dass die Darsteller immer so sehr auf Konfrontation gehen. Ein guter Reality Star ist nicht nur sauer auf seine beste Freundin, sondern hat auch kein Problem damit, es ihr auf dramatische Weise zu sagen und dabei einen Tisch in einem Restaurant umzuwerfen. Ich als Person, die vermutlich nicht mal etwas sagen würde, wenn ihr mit eurem Stuhlbein auf meinem mittlerweile blutenden Zeh steht, finde das auf gewisse Weise sogar inspirierend.

Ich weiß, ich weiß: Überlasst es mir, Reality Shows inspirierend zu finden!

Vor einigen Jahren also formulierte ich den Ratschlag „Lebe wie ein Reality Star!“, um aus meiner Konfrontations-scheuen Schale zu finden und ich möchte euch gerne zwei Instanzen schildern, in denen dieser Ratschlag sehr gut geklappt hat.

Einmal, im Jahr 2012, traf ich mich öfter mit einem Typen namens Wolfgang. Ich war mir ziemlich sicher, dass wir nur Freunde bleiben würden und das war auch okay für mich. Wolfgang war mir so unfassbar ähnlich, dass ich ihn auf Dauer nicht ausgehalten hätte. Eine Beziehung mit mir selbst? Nein danke, ich gehe mal eben Zigaretten kaufen und komme nie mehr wieder!

Jedenfalls waren wir eines Abends in einem Club und Wolfgang verhielt sich mir gegenüber äußerst eigenartig. Wiederholte Male berührte er im Laufe des Abends grundlos mein Ohr und fragte zu späterer Stunde, ob wir gemeinsam auf die Toilette gehen wollen. Um was zu tun?, fragte ich mich. Meine Hemmung, vor anderen zu urinieren, überwinden?


An diesem Abend ging ich nicht weiter auf diese Eigenartigkeiten ein, doch in den kommenden Tagen ließen sie mir keine Ruhe. Wollte Wolfgang was von mir? Oder wollte er am Klo Drogen nehmen? Beides komisch! Ich überanalysierte sein Verhalten und es ließ mir keine Ruhe, warum es sich so mysteriös verhalten hatte, als wolle er mir einen gestohlenen Gebrauchtwagen andrehen.

Zu diesem Zeitpunkt schaute ich gerade die gescheiterte Paris Hilton Reality Show Life According to Paris, in der selbst die drogenabhängige Ex-Frau von Charlie Sheen sympathischer und am Boden gebliebener wirkt als Paris Hilton. Obwohl diese Serie ziemlich schlecht war, hatte sie dieses eine wichtige Merkmal: Alle Hauptfiguren liebten Konfrontation und fingen regelmäßig zwischendurch einfach so Streits an, gerne auch beim friedlichen Brunch.

Beflügelt vom Trash TV tat ich also etwas, was man vermutlich auch nur aus sämtlichen Serien, die auf dem Sender E! laufen, kennt: Ich bat Wolfang, mich an einem Fluss zu treffen, um die Geschehnisse jener Nacht zu diskutieren. Die Möglichkeit, dass einer von uns beiden den anderen im Fluss ertränken konnte, wenn das Gespräch schlecht lief, verlieh unserem Treffen dieses gewisse Etwas.

Doch so weit kam es nie: Wolfgang erklärte mir, sein merkwürdiges Verhalten habe keinen bestimmten Grund gehabt; er wäre einfach betrunken gewesen. Dann bezichtigte er mich, einen Elefanten aus einer Mücke zu machen, was – unter uns – eine typische Reality-TV-Aussage ist, die ausschließlich schuldige Menschen treffen, aber okay. Die Auflösung unseres Konflikts war zwar relativ enttäuschend, aber ich konnte dieses rätselhafte Ereignis, das mich ähnlich verwirrte, wie eine UFO-Sichtung, zumindest endlich ad acta legen.

Generell gehe ich gerne frei von Konfrontationen durch das Leben, da es bedeutet, dass ich weiterhin mit verdeckten Karten spielen kann. Denn wer Leute gerne und oft konfrontiert, muss damit rechnen, auch seine eigenen Gefühle und Geheimnisse zu offenbaren und diese möchte ich meistens gerne ähnlich stark vertuschen, wie Halle Berry (wenn man den Klatschmagazinen trauen kann) es mit ihrem sechsten Zeh tut.

Erst letztens jedoch nahm ich mir wieder meinen eigenen, in diesem Blog-Post beschrieben Rat zu Herzen, denn es ging einfach nicht anders. Anfang des vergangenen Jahres hatte ich meiner Bekannten Heike geholfen, ein Event zu organisieren, das sie in der Arbeit planen musste. Sie wollte, dass viele österreichische Influencer dazu erschienen und ich traf mich mit mir, um ihr in ziemlicher Länge zu erklären, wen sie einladen könne und was sich diese Blogger erwarten würden.

Was ich bei unserem Treffen nicht gesagt hatte, weil es mir selbstverständlich erschien: NATÜRLICH MÖCHTE ICH BITTE, DASS DU AUCH MICH EINLÄDST, DENN ICH BIN EBENFALLS INFLUENCER UND NEHME MIR IMMERHIN MEHRERE STUNDEN ZEIT, UM UNENTGELTLICH DEINEN JOB FÜR DICH ZU MACHEN!

Das Event kam und ich sah auf Instagram, Snapchat und Co., wie alle Leute, die ich genannt hatte, dort prächtigen Spaß hatten, während ich alleine zuhause saß, Eiscreme aß und – you guessed it – Reality Shows schaute. Als ich später einer Freundin, die dort gewesen war, von meiner Vorgeschichte mit dem Event erzählte, war diese ähnlich aus dem Häuschen wie Nicole Richie in dieser The Simple Life Folge, wo sie ihre Handtasche in der Bar verliert und daraufhin mit Bleichmittel um sich wirft.

„WAS? Das ist ja eine absolute Frechheit!!“, sagte Nicky, während Rauchschwaden aus ihrem Kopf aufstiegen. „Das kann sie doch nicht tun – du hast ihr die halbe Arbeit abgenommen und bekommst als Dank gar nichts?“ Dass meine Freundin so ausrastete bekräftigte mich darin, wieder meinen liebsten Ratschlag zu befolgen. Ich würde zwar nicht mit Bleichmittel um mich werfen, aber Heike zumindest konfrontieren.

So traf ich mich mit ihr, um eine Kugel Eis zu essen, doch sie konnte ja nicht ahnen, dass meine bevorzugte Eissorte an diesem Tag „KONFRONTATION!“ hieß. Schlicht und einfach sagte ich ihr „Es hat meine Gefühle verletzt, dass du mich nicht eingeladen hasst!“, was ich für gewöhnlich nicht tun würden, denn: Gefühle, urggggghh.

Doch anders als Wolfgang zeigte sich Heike sehr verständnisvoll, so als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich sie auf den Vorfall anspreche.

Sie erklärte mir, dass ihr Arbeitgeber überwiegend Beauty-Girls auf diesem Event haben wollte, was zwar ein bisschen nach einer faulen Ausrede klang, aber okay. Doch dann kam sie zum eigentlichen Highlight ihrer Entschuldigung, in dem sie mir versprach, dass ich einen riesigen Gefallen bei ihr gut habe, welchen ich Monate später für eine mir persönlich viel wichtigere Sache einlöste und mir dabei vorkam, als würde ich einen kalkulierten Schachzug machen.

Tja. Schachmatt, Bitch!

Natürlich ist das absolute Küchenphilosophie: Dass es Vorteile hat, Leute direkt auf Probleme und verletzte Gefühle anzusprechen ist in etwa so eine Neuheit, als würde ich euch berichten, dass es einen tollen neuen Laden namens McDonald’s gibt, bei dem man günstig Pommes kaufen kann. Dennoch versuche ich spätestens seit diesen beiden Vorfällen, immer ein bisschen ehrlicher zu sein – denn nur wenn die Leute wissen, dass du ihr Verhalten supermerkwürdig oder verletzend fandest, können sie in Zukunft darauf Rücksicht nehmen oder – noch besser – dich bevorzugt behandeln.

Grundsätzlich ist das ja ein guter Rat, aber ich finde es witzig, dass es ausgerechnet dumme Reality Shows brauchte, um mich darauf zu bringen.

– Michael

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1 Comment

  1. Colleen Horeis 5. Juni 2017 / 9:39 pm

    Super geschrieben Michael, regt mich dazu an einfach mal zu sagen was mir nicht passt, was mir bei Freunden oft schwer fällt. Danke!

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