Ich habe überlebt: Ein Tag ohne Smartphone

Ich habe beschlossen, jede Woche einen Tag lang auf mein Smartphone zu verzichten. Dies ist keine meiner „witzigen“ Ideen, wie damals, als ich entschied, mich einen Tag lang nur von Desserts zu ernähren, sondern vielmehr ein notwendiger Schritt.

Letztens, als ich im Regen durch die Stadt rannte und beim panischen Checken meines Instagram-Accounts (wie viele Likes hatte mein Selfie in dieser Clownsperücke bekommen? Ich musste es wissen!) gegen ein Kutschpferd knallte, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte.

Wenn man bei seiner liebsten Tätigkeit ein majestätisches Tier rammt, ist es womöglich an der Zeit, sein Hobby (oder, entschuldigt das Wortspiel, Steckenpferd) zu überdenken. Wie schlimm konnte ein Tag ohne Handy schon sein?

Am Morgen meines Experiments erwache ich um 10:30 ähnlich verwirrt aus meinem Schlaf, als wäre ich eine tragische, alkoholabhängige Schauspielerin gegen Ende ihrer Karriere. Wo bin ich und wieso hat mich mein Wecker, wie sonst auch, nicht um 8 Uhr aus dem Schlaf gerissen? Genau: Weil ich mein Handy ausgeschaltet und es wie ein Verrückter vor mir selbst versteckt habe.

Es ist eigenartig, nach dem Aufstehen nicht bereits auf mein Handy zu starren, aber gleichzeitig schön, da ich merke, wie ruhig es morgens in meiner Wohnung eigentlich ist. Ich höre zum Beispiel, wie meine Nachbarin zuerst sehr laut hustet und danach schlagartig ruhig ist. Paradiesisch!

Womöglich habe ich mir einen schwierigen Tag für mein Experiment ausgesucht, da ich heute mit Dominik, meinem Freund, zu einer Familienfeier aufs Land fahren möchte. Dafür ist es notwendig, Zugzeiten zu checken und uns einen Treffpunkt auszumachen. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, ihm ein Telegramm zu schicken:

Hallo Dominik STOP

Treffen wir uns um 15:00 am Bahnhof STOP

Ich glaube meine Nachbarn ist vielleicht gestorben STOP

Michi STOP

Doch dann beschließe ich, dass es okay ist, meinen Laptop zu verwenden. Freudig darf ich daher berichten, dass es mir überhaupt nicht schwer fällt, auf mein Handy zu verzichten – bis ich schließlich ohne Laptop oder Smartphone im Zug sitze.

„Dominik, ich werde heute nicht mein Handy verwenden!“, leite ich dramatisch ein. „Und egal, wie sehr du mich dabei unterstützen willst – ich möchte nicht, dass du es ebenfalls tust. Das ist mein Experiment!“, erkläre ich tapfer, als hätte ich beschlossen, in ein Kloster zu ziehen.

Dominik sieht mich entgeistert an und beginnt zu lachen „Ich hatte nicht vorgehabt, auf mein Handy zu verzichten“, sagt er, und widmet sich einer Runde Candy Crush, die die gesamte Zugfahrt andauert. Unterdessen sehe ich aus dem Fenster und nehme die Natur wahr, die – zugegeben! – ziemlich schön ist.

(Ich finde, sie wäre noch schöner, wenn ich sie jetzt fotografieren und einen Amaro-Filter drüberlegen könnte, aber gebe mich mit meiner undokumentierten Beobachtung zufrieden. #nofilter)

Ab und zu spüre ich eine Vibration in meiner Tasche und krame panisch nach meinem Handy, bis mir einfällt, dass ich es nicht mal dabeihabe. Was ist überhaupt los mit mir? In diesen Momenten blickt mein Freund von Candy Crush auf und sieht mich so entgeistert an, als wäre ich Garfield auf der Suche nach Lasagne.

Wenn ein Tag ohne Handy wie ein Videospiel ist, dann ist ein Abendessen mit der Familie definitiv der Endgegner. Ich habe mich zudem angeboten, meine Familie im Auto zum Restaurant und zurück zu kutschieren und kann daher nicht mal Alkohol trinken. Ein Familienessen ohne Handy und Gin Tonic? Bitte tötet mich einfach gleich.

Doch in einem Plottwist, der mehr überraschen mag, als das Ende von The Sixth Sense, bemerke ich, dass ich wirklich großen Spaß mit meiner Verwandtschaft habe, wenn ich ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenke.

Fängt meine Oma zum Beispiel an, von ihren Freundinnen im Seniorenverein und deren Erkrankungen zu erzählen, zucke ich meist bereits mein Handy, bevor überhaupt das Wort „Oberschenkelhalsbruch“ gefallen ist. Doch heute nicht! Ich lausche meiner Großmutter angestrengt und stelle fest, dass ihre Erzählungen unterhaltsamer sind, als sämtliche Tweets auf meiner Timeline es je sein könnte.

Am Ende des Abends umarmt mich meine Schwester und sagt „Ich weiß nicht, was los war, aber heute warst du viel geselliger als sonst“. Ich schmunzle selbstgefällig. Ähnlich wie ein Magier verrate ich ihr nicht mein Geheimnis, sondern verschwinde stattdessen geheimnisvoll in die Tiefe der Nacht.

Ich habe einen Tag lang auf mein Smartphone verzichtet und es war großartig. Nicht nur habe ich meine Umgebung deutlicher wahrgenommen und viel mehr Spaß mit meinen Mitmenschen gehabt, sondern darf euch außerdem freudig berichten, dass bei diesem Selbstexperiment kein einziges Pferd zu schaden gekommen ist. Ein voller Erfolg!

– Michael

Mein Buch, „Der Letzte macht den Mund zu“, erscheint am 14. Juli: http://amzn.to/2oVTCxE

 

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