Die Magie des Weiterverschenkens

„Ich habe eine tolle Idee: Lasst uns dieses Jahr wichteln!“, sagte Anna – eine Studienkollegin – nach der Vorlesung und mir wurde sofort klar, dass wir unterschiedliche Vorstellungen von „tollen Ideen“ hatten. Ein Eierlikör-Wetttrinken veranstalten? Meiner Meinung nach eine wirklich tolle Idee! Aber Wichteln – dieses nervige Spiel, bei dem man einen Namen aus einem Hut zieht und dieser Person etwas schenken muss? Ich würde lieber trinken.

Doch da mir gerade langweilig war und ich ohnehin gedachte, dieses Studium nach Ende des Semesters abzubrechen, hatte ich nicht viel zu verlieren und griff in den Hut; eine Entscheidung, die ich sofort bereuen sollte. Ausgerechnet zog ich Raphael – einen Studienkollegen, der im ganzen Semester in etwa so viel Persönlichkeit gezeigt hatte, wie Kourtney Kardashian (= gar keine). Ein Geschenk für ihn, einen selbsternannten „Denker“, zu finden, schien mir ähnlich knifflig, wie einen Zauberwürfel zu lösen.

„Aber Michael! Egal ob Raphael dein Geschenk gefällt oder nicht: Es ist der Gedanke, der zählt!“, denkt ihr euch bestimmt, und das ist absolut richtig, aber mein Gedanke in diesem Moment war: „Aber ich möchte nicht einkaufen gehen; es ist doch ein Richterin Barbara Salesch Marathon im Fernsehen!“. So beschloss ich, etwas zu tun, was an und für sich als absolutes No-Go zur Weihnachtszeit gilt: Ich würde einfach einen Gegenstand aus meiner Wohnung suchen und ihn verschenken.

In meinem riesigen Bücherregal fand ich ein Buch namens „Glamourpuss“, welches ausschließlich aus Bildern von Katzen, die Perücken tragen, besteht. Ich hatte es drei Jahre zuvor von einer Freundin geschenkt bekommen. Es war grotesk und süß zugleich und wirkte wie genau die Sorte Geschenk, über die Raphael ein trauriges Haiku verfassen würde.

Ich sah das Buch wehmütig an, wie ein stolzer Vater, der seine Tochter zum Traualtar führt. „Es ist Zeit, dich weiterzuverschenken…“ säuselte ich, bevor ich es in Zeitungspapier einwickelte und mit Textmarker dick „RAPHAEL“ darauf schrieb. Diese ganze Aktion hatte 5 Minuten gedauert – die Feiertage sind so anstrengend! Erschöpft nippte ich an meinem Eierlikör.

Am Tag der Geschenkübergabe kam Anna, deren Idee das Wichteln gewesen war, mit einem riesigen Sack in den Vorlesungssaal. „Überraschung!!“, trällerte sie mit einem Enthusiasmus, den ich persönlich mir nur für All-You-Can-Eat-Buffets aufhebe. „Ich habe für euch ALLE Geschenke dabei!“. Anna sah uns aufgeregt an, und für einen kurzen Moment befürchtete ich, sie würde gleich einen Song singen.

„Oh, das hättest du nicht machen sollen!“, sagte ich und meinte es völlig ernst: Anna hätte das nicht machen sollen, denn im Vergleich zu ihr wirkten wir nun alle wie die größten Loser der Welt – besonders ich, der nicht mal ein Geschenk gekauft, sondern einfach alten Krempel wiederverwertet hatte! „Ich konnte einfach nicht widerstehen!“, trällerte sie. So, so: Andere Leute zu beschenken war für Anna wohl ähnlich, wie Rotwein für mich war.

Annas Geschenke waren durchdacht und süß. Einer Kollegin, die Hunde liebte, schenkte sie einen Haarreifen mit Hundeohren und für Raphael hatte sie ein Notizbuch für „all seine Gedanken“ gefunden. Perfekt! Mir wiederum überreichte sie ein Schneidebrett mit der frechen Aufschrift „Männer à la carte!“. „Da musste ich an dich denken…“ säuselte sie mit einem Unterton, als wolle sie noch „…denn du bist das Flittchen unter uns!“ hinzufügen. Hmm. Wenn der Schuh passt!

Als endlich ich an der Reihe war, mein Geschenk zu übergeben, fühlte ich mich äußerst angespannt. Was, wenn Raphael sein Geschenk so sehr hassen würde, dass er sein neues Notizbuch gleich mit wütenden Gedichten darüber füllen würde? Obwohl ich das Weiterschenken bis vor wenigen Minuten noch für meine tollste Idee seit langem gehalten hatte, machten sich nun erste Zweifel in mir breit.

Doch als mein Studienkollege sein Geschenk auspackte, wurden wir alle Zeuge von einem Phänomen, das in etwa so selten wie eine Einhorn-Sichtung sein muss: Ein echtes, herzhaftes Lachen von Raphael! Mein Gegenüber warf seinen Kopf in den Nacken und brüllte laut los. „Michael!“, stammelte er, während er vereinzelte Lachtränen von seiner Wange wischte. „Woher wusstest du nur, dass ich ulkige Fotobücher und Katzen liebe?“. Dann umarmte er mich.

Die Wahrheit ist: Ich wusste es nicht. Woher auch? Ich hatte doch einfach nur ein altes, meiner Meinung nach nutzloses Geschenk wiederverwertet, weil ich lieber fernsehen wollte, als mir Gedanken zu machen. Doch alle Anwesenden sahen mich beeindruckt an. Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, sagte selbst Anna, während sie mir auf die Schulter klopfte. Und das, liebe Leser, ist die Magie des Weiterschenkens.

– Michael

Mein Buch, „Der Letzte macht den Mund zu“, erscheint am 14. Juli: http://amzn.to/2oVTCxE

 

Share:

2 Comments

  1. Amrei 16. Mai 2017 / 3:18 pm

    Ich kaufe ja normalerweise keine Bücher von Youtubern, aber ich finde deinen Schreibstil toll, weshalb ich in deinem Fall wohl eine Ausnahme machen werde 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.