Der Fluch des Biolehrers

Als ich noch die Schule besuchte, hatte ich einen Biologie-Lehrer, der meinen inneren Hypochonder Woche für Woche mit neuen Infos zu Krankheiten fütterte. „Wenn wir gestresst sind, ist unser Immunsystem stark“, leitete er eines Tages seine Schauergeschichte ein, „aber sobald wir auch nur eine Sekunde entspannen können, werden wir krank, krank, krank!!“ Bei jeder Wiederholung des Wortes „krank“ schlug er mit der offenen Handfläche so stark auf den Tisch, als würde er diesen zerstören wollen. Ich war absolut baff und spürte bereits, wie das Fieber in mir stieg.

Seitdem ist es, als hätte mein Lehrer einen Fluch über mich gelegt, weil ich damals in seiner Stunde mit Vorliebe Mode-Magazine gelesen habe: Kaum komme ich nach Monaten des Uni-Stresses zur Entspannung, verwandle ich mich fast augenblicklich von einem hektischen Studenten in einen kränkelnden, wehmütigen Mann. Wenn ich sehe, wie meine Freunde ihre ersten Frühlings-Selfies auf Instagram posten, kann ich mich nicht davon abhalten, die warnenden Worte „Genieße deine Gesundheit, solange du sie noch hast… *hust-hust*“ als Kommentar darunter zu setzen.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ich – wie so ziemlich alle Männer dieser Welt – bei Krankheiten zu absoluten Übertreibungen neige. Sobald ich auch nur merke, dass meine Körpertemperatur ein klein wenig abseits der Norm ist, ziehe ich mich in mein Schlafgemach zurück, schließe die Vorhänge und bitte darum, jedes einzelne Familienmitglied einzeln zu sprechen, um „abschließende Worte“ an sie richten zu können.

So verbringe ich jedes Jahr eine gesamte Woche im Bett, sehe mir schlechte Serien und Filme auf Netflix an und esse doppelt so viel wie sonst, mit der Begründung, dass mein Körper Nahrung in Zeiten wie diesen mehr als je zuvor braucht. Eigentlich führe ich ein fantastisches Leben und die einzige Person, die unter meiner Krankheit leiden muss, ist mein Freund Dominik.

Obwohl ich kränkelnd von den „einfachen Freuden des Lebens“ wie einem Kinderlächeln erzähle, lässt Dominik sich keine Sekunde lang von meinem Humbug täuschen. Ähnlich wie bei dem „neuen, sportlichen Michael“, den er jedes Jahr im Januar über sich ergehen lassen muss, denkt er, dass meine kränkelnde Persona schneller wieder verschwinden wird, als Lindsay Lohans Musikkarriere aus unserem kulturellen Gedächtnis. Eine Annahme, die er sicher bereuen wird, wenn er Witwer ist, nachdem ich an Husten gestorben bin.

Doch dann kommt es, wie es kommen muss: Nach einer Woche des absoluten Wohlfühl-Programms springe ich dann aktiver aus dem Bett, als ein neugeborener Welpe.

Ich bin froh, dem Sensenmann ein weiteres Mal durch die Lappen gegangen zu sein und genieße meine Gesundheit umso mehr. Aber nicht allzu sehr. Denn in meinem Hinterkopf schallen die Worte meines Biologie-Lehrers und ich weiß ganz genau: Spätestens in einem Jahr, wenn ich vollkommen entspannt bin und nicht damit rechne, geht dieser Leidensweg wieder von vorne los. Und das, liebe Leser, ist der grausame Fluch des Biolehrers.

– Michael

Mein Buch, „Der Letzte macht den Mund zu“, erscheint am 14. Juli: http://amzn.to/2oVTCxE

 

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