Ein Geschenk von mir an mich

 

Ich liebe Online-Shopping und ich fühle mich auch ganz schlecht deswegen. Als halbwegs schlauer Mensch, der auf Französisch bis 10 zählen kann, verstehe ich, dass es blöd von mir ist, Großkonzerne im Internet anstatt die „kleinen Läden nebenan“ zu unterstützen. Ich habe auch wirklich ein schlechtes Gewissen und schlafe deshalb nachts so unfassbar schlecht, als hätte ich mir vor dem Bett einen Liter Kaffee gegönnt. Und dennoch bestelle ich Artikel aus dem Internet, als würde ich mich auf die Apokalypse vorbereiten.

Natürlich könnte ich meine Vorliebe fürs Online-Shopping damit rechtfertigen, dass ich soziale Interaktion hasse. Es ist mir unangenehm, in einen Laden zu gehen, die tausend Fragen der Verkäuferin zu beantworten und dann eine Hose anzuprobieren, nur um festzustellen, dass ich darin Bozo dem Clown gleiche.

Ohne Zweifel lügt mir die Verkäuferin dann direkt ins Gesicht und erklärt mir, dass ich „scharf wie eine Chili“ aussehe und mein Hintern zudem gut zur Geltung kommt, woraufhin ich einfach wortlos Geld in ihre Richtung werfe, da ich ALLES kaufe, wenn man mir sagt, dass mein Hintern darin gut aussieht.

Aber nein: Nach Jahren des intensiven Trainings prasseln auch die frechen Lügen von Verkäufern an mir ab, als wäre ich eine Teflon-Pfanne. Der Hauptgrund, warum ich also so liebend gerne Produkte aus dem Internet bestelle, hat wohl eher mit meinem besonderen Ritual des Online-Shoppings zu tun, welches – ähnlich wie Besuche bei Verwandten – nur so richtig gut ist, wenn ich dabei ziemlich betrunken bin.

Denn sollte ich mich nach dem zweiten Glas Wein auch nur annähernd in der Nähe eines internetfähigen Gerätes aufhalten, passiert es nicht selten, dass ich nicht etwa unzählige E-Mails an all meine Ex-Freunde schicke, sondern schnurstracks ein Online-Versandhaus ansteuere und mir prompt ein teures Outfit bestelle, während ich Floskeln wie „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ lalle, was – unter uns – eine Lüge ist, da ich mir nahezu täglich Dinge gönne.

Dann schlafe ich ein und träume von kalorienarmen Waffeln. Ohne Zweifel vergesse ich meinen angetrunkenen Kauf vollkommen und verfalle in Ekstase, wenn zwei Wochen später ein wunderbares Outfit an meiner Haustür auftaucht. „Was, für mich? Von mir?“ jauchze ich völlig fassungslos, während ich mir gerührt ans Herz greife. „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“, sage ich dann geschmeichelt zu mir selbst im Spiegel.

Ihr seht: Es sind nicht pure Rücksichtslosigkeit und eine Abneigung gegenüber den „Läden von nebenan“, sondern vielmehr der Überraschungs-Faktor und die Tatsache, dass es jedes Mal wie Mini-Weihnachten ist, die mich zum Online-Shopping treiben. Der schönste Moment dieses ganzen Prozesses ist übrigens der, in dem ich dann endlich mein Outfit anprobiere und ohne Zweifel feststelle, dass mein Hintern darin phänomenal aussieht. Das einzige, was ich mehr liebe, als Online-Shopping ist mein betrunkenes Ich: Es macht einfach die besten Geschenke.

– Michael

Mein Buch, „Der Letzte macht den Mund zu“, erscheint am 14. Juli: http://amzn.to/2oVTCxE

 

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3 Comments

  1. Victoria Wischermann 11. Juli 2017 / 2:16 pm

    Ich bin absolut begeistert von deinem Blog und all deinen Beiträgen auf YouTube und zähle bereits die Tage bis mir dein Buch geliefert wird – das wird wie ein Mini – Weihnachten für mich!

  2. Silvia Friedl 14. Juli 2017 / 6:59 am

    Hey Michi!

    Das Tolle an deinem Blog ist, dass ich während dem Lesen genau höre wie
    du die Sätze betonst und ich sogar teilweise deine Armbewegungen dazu vor meinem inneren Auge sehe 😀
    Du bist super, mach weiter so – kann’s kaum erwarten dein Buch zu lesen!

    liebe Grüße aus Salzburg!
    Silvia

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