SMALLTALK VERBOTEN!

Meine absolute Vorstellung vom Himmel ist es, eine Frisörin zu finden, die mir einfach nur die Haare schneidet und Smalltalk genau so sehr hasst, wie ich. Leider muss ich euch berichten, dass es mir schier unmöglich ist, solch eine Person zu finden.

Sitze ich im Frisörstuhl, möchte ich die Augen schließen, an Zimtschnecken denken und mich nicht verpflichtet fühlen, völlig gezwungene Fragen zu beantworten, wie etwa, wie viele Geschwister ich habe und wo ich den nächsten Urlaub verbringe. Warum all diese Fragen? Bist du Privatdetektivin?

Ich weiß nicht, warum, aber irgendwann hat es sich etabliert, dass Frisöre unsere BFFs werden müssen und wir ihnen alle Geheimnisse anvertrauen können. All meine Freunde tun das ohne Bedenken, predigen mir aber von „Datenschutz“, wenn ich sie bitte, mir ihre Handynummer über Facebook zu schicken.

Nicht mit mir! Wenn ich intime Details aus meinem Leben preisgeben soll, brauche ich schon ein Weinglas in der einen und eine von meinem Gegenüber unterschriebene Verschwiegenheitserklärung in der anderen Hand.

So holte ich mir vor einiger Zeit Empfehlungen von Freunden ein und bat gezielt um Frisöre, die nicht etwa gute Arbeit leisteten (solche Belanglosigkeiten sind mir egal!), sondern möglichst wenig sprachen.

„Geh zu Sybille“, sagte eine Freundin und steckte mir eine Karte zu. „Ich bin seit fünf Jahren bei ihr und sie hat mir noch nie eine Frage gestellt! Oft zweifle ich daran, dass sie unsere Sprache beherrscht“.

Perfekt!

Mehrere Monate lang war ich also Kunde bei Sybille und es war der absolute Traum. Flink wie eine Biene schnitt sie mir die Haare, ohne dabei auch nur ansatzweise nichtssagende Nonsens-Themen wie Jahreszeiten, trockene Kopfhaut oder die Kardashians anzuschneiden.

Doch bei meinem letzten Besuch begrüßte sie mich so breit grinsend, als hätte sie sich in der Mittagspause einen Joint gegönnt. Mit noch nie zuvor dagewesener joie de vivre wusch Sybille mir die Haare und wartete nicht mal, bis sie mir diesen ulkigen Umhang umgelegt hatte, um ihre Bombe platzen zu lassen.

„Michael, ich habe letztens deine YouTube-Videos entdeckt!“ platzte es aus ihr heraus.

Na toll. Ich wusste, was das bedeutete: Durch den Fund meiner Online-Präsenz war das Eis gebrochen und ein Verhör, das länger dauerte, als so mancher Martin Scorsese-Film, war die Folge. Warum musstest du bloß das ruinieren, was wir hatten, Sybille? Es war doch so wunderschön!

Bitte versteht mich nicht falsch – gegen eine Freundschaft mit meiner Frisörin spricht natürlich absolut nichts. Wir können uns gerne auf einen Kaffee treffen, eine Unterhaltung abseits von Smalltalk-Themen führen und uns ein Freundschafts-Armband mit der Aufschrift „Sybille + Michael“ kaufen.

Aber wenn ich gerade einen anstrengenden Tag hinter mir habe, möchte ich manchmal einfach nur die Augen schließen, an Zimtschnecken denken und gemeinsam mit meiner BFF eine Runde schweigen. Ist das denn zu viel verlangt?

Mein Buch, „Der Letzte macht den Mund zu“, ist unter anderem hier erhältlich: http://amzn.to/2oVTCxE

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