SOS, ich verwandle mich in meine Eltern!

Immer, wenn Freunde meine Mutter kennenlernen, weisen sie mich im Nachhinein darauf hin, dass meine Mama und ich nahezu dieselbe Person sind. Wir teilen uns eine Vorliebe für Wein, kaufen ständig unabsichtlich die gleichen Bücher und wurden an einem Tag, an dem ich schlecht geschlafen hatte (was mich scheinbar 30 Jahre altern ließ!) sogar auf der Straße miteinander verwechselt.

Diese Vergleiche gehen mir ein bisschen auf die Nerven. Ja, meine Mutter ist absolut toll, aber sobald meine Freunde sie kennenlernen, sind sie fest davon überzeugt, dass ich nicht Michael, sondern „Romy 2.0“ bin: Ein Ableger meiner Mutter, der nicht mehr ist als die Lady Gaga zu ihrer Madonna.

Weil wir viele gemeinsame Interessen haben, unternahm ich vor Kurzem mit meiner Mutter einen Ausflug nach Paris, welcher ob unserer Ähnlichkeit wohl diesem einen Film, in dem die Olsen-Zwillinge in die französische Hauptstadt reisen, nicht unähnlich war.

Unser Gedanke bei diesem Unterfangen war, dass es uns gut tun würde, ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen und unsere Partner (ich meinen Freund, sie meinen Vater) zuhause zurückzulassen. Wie erwartet verlief unser Urlaub sehr harmonisch – wo könnte es denn bitte kriseln, wenn man quasi mit sich selbst im Urlaub ist? Nirgendwo!

Es war jedoch am vierten Tag unseres Aufenthalts, als ich allmählich wieder anfing, geschäftliche E-Mails und Telefonate von zuhause zu beantworten. Nur, weil ich in Paris war und bereits um 13:00 mit dem Weinkonsum anfing, hieß das natürlich nicht, dass der Rest der Welt aufhörte, sich zu drehen und ich verspürte den Drang, allmählich meine To-Do-Liste abzuhaken.

Nach einem besonders langen Telefongespräch, im Anschluss dessen ich vorhatte, mich mit einer ehemaligen Kollegin, welche ebenfalls gerade in der Stadt war, zu treffen, platzte meine Mutter der Kragen: „Michael, ich sage es nur ungern“, kündigte sie an, „aber du verwandelst dich in deinen Vater! Ich fühle mich, als wäre ich mit ihm im Urlaub!“.

Das war ein harter Schlag, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Mein Vater ist ein cooler Typ, aber leider bekannt dafür, im Urlaub nicht wirklich entspannen zu können. Während meine Geschwister und ich die Urlaube unsere Kindheit am Strand verbrachten, saß mein Vater meist in einem abgedunkelten Restaurant und erledigte am Telefon Geschäfte am anderen Ende der Welt.

Erschüttert nahm ich einen melancholischen Spaziergang durch Paris. Ich wusste nicht mehr, was ich überhaupt noch glauben sollte. Alle sagten mir Zeit meines Lebens, ich sei die exakte Kopie meiner Mutter und nun behauptete diese wiederum, ich wäre exakt wie mein Vater. Und dabei versuchte ich doch eigentlich nur, genau wie Beyoncé zu sein. Was für eine verflixte Identitätskrise.

Biologisch gesehen macht es sogar Sinn: Ich bin eine Mischung aus meinem Mutter und meinem Vater. Ein Wein-trinkender Literaturliebhaber, der selbst im Urlaub eine erstaunliche Arbeitsethik an den Tag legt. Dennoch bin ich es Leid, ständig mit meinen Eltern verglichen zu werden, und appelliere an alle Leser, Kommentare dieser Art von nun an nur zu liefern, wenn ich gerade auf der Toilette bin.

Am Ende meines Spaziergangs kam ich zu dem Entschluss, dass mein Schicksal wohl bereits besiegelt ist: Eines Morgens werde ich einfach mit langen, roten Fingernägeln aus dem Schlaf erwachen, Fremdwährungskurse im Teletext checken und plötzlich unheimlich lange brauchen, um eine E-Mail zu verfassen; ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Verwandlung in meine Eltern komplett ist.

Das soll mir recht sein, denn meine Eltern führen ein angenehmes Leben. Dennoch möchte ich an dieser Stelle eines festhalten: Ich wollte nie wie meine Eltern werden. Ich wollte eigentlich nur wie Beyoncé sein.

– Michael

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