Normalsein ist dumm

Als ich in etwa 13 Jahre alt war, nahm ich mir einmal vor, mich einen ganzen Tag lang „normal“ zu verhalten. Ich hatte mir keine spezifischen Regeln und Rahmenbedingungen dafür überlegt, was als „normal“ galt, aber ich kann mich dunkel erinnern, dass ich damit „nicht so, wie ich mich sonst immer verhalte“ meinte.

In diesem Alter war normal – also so, wie alle anderen – sein eine meiner Top-Prioritäten. Als eher unbeliebtes Kind in der Schule wurde mir von meinen Mitmenschen vermittelt, dass ich zu sehr aus der Reihe tanzte und ein bisschen zu schrill war, als dass mich tatsächlich jemand als seinen „Freund“ bezeichnen würde.

Schlimmer noch: Die wenigen Leute, die doch mit mir befreundet waren, wurden durch die Bekanntschaft mit mir ebenfalls ausgeschlossen, ähnlich wie man im 15. Jahrhundert wohl Menschen ausschloss, die mit Hexen und Ehebrechern über den Dorfplatz strawanzten.

Ich bin mir nicht mal sicher, was meine „Andersartigkeit“ ausmachte. Ich habe eine leise Vermutung, dass es womöglich etwas mit dem Referat über Oprah zu tun hatte, das ich gehalten habe, oder mit jenem Tag, an dem ich selbstbewusst eine steirische Lederhose in den Unterricht anzog.

Also versuchte ich eben einfach mal, mich einen ganzen Tag lang „normal“ zu verhalten, was sich vor allem dadurch äußerte, dass ich überhaupt keine Emotionen zeigte. Ich erinnere mich dunkel, dass ich damals mit meiner Familie einen Einkaufsausflug unternahm, während dem ich mich uncharakteristisch gleichgültig gab. Jede Äußerung, die ich tätigte, klang, als wäre ich ein geschiedener Familienvater Mitte 40, der die Welt hasste und sich seine joi de vivre für Zigaretten und abgestandenes Billig-Bier aufhob.

„Michael, möchtest du mit uns in den Supermarkt gehen?“
„Okay, wenn es sein muss…“
„Wir können Zimtschnecken kaufen, wenn du magst!“
„Whatever, ist mir egal…“
„Es sei denn, du willst keine Zimtschnecken.“
„Ist mir eigentlich ega—“

Ich konnte einfach nicht, es war zu anstrengend. Nach gerade mal 30 Minuten, beschloss ich, meinen neuen, normalen und völlig gleichgültigen Act zu verwerfen und kehrte – nun, da Zimtschnecken auf dem Spiel standen – wieder zu meiner gewohnt enthusiastischen Persönlichkeit zurück.

Dennoch blieb es für ein paar Jahre mein unerfüllter Wunsch, genauso normal wie all meine Klassenkameraden zu sein. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich realisierte, dass fußballspielende Jungs aus dem Nordburgenland nicht das Maß der Dinge und die Jahre als Schüler nicht der Höhepunkt des menschlichen Lebens sind.

Heute finde ich mich oft in Situationen wieder, die mich an meine Sehnsucht nach einer normalen Existenz als herkömmlicher Junge von nebenan, zurückdenken lassen: Etwa, wenn Freunde sich beklagen, dass sie bei vermuteten 600 Tinder-Matches einfach nicht einzigartig genug sind, um irgendjemandes Interesse zu wecken.

Oder, wenn befreundete Künstler jammern, dass ihre Arbeit in letzter Zeit „zu unoriginell“ ist und „nicht aus der Reihe tanzt“ und sich daher niemand für sie interessiert.

Oder aber, wenn mir PR-Menschen in steifen Meeting-Situationen erklären, unsere mögliche Zusammenarbeit solle bitte gerne so verrückt und ungewöhnlich wie möglich werden; Hauptsache anders als die ganze stinknormale 0815-Werbung, die sie sonst immer machen.

Ich möchte sie an den Schultern packen, wild schütteln und rufen: „Wieso verbringen wir die ersten 20 Jahre unseres Lebens damit, normal sein zu wollen, nur um dann die nächsten 20 Jahre damit zu verbringen, aus der Masse hervorstechen zu wollen? Wieso können wir nicht von Anfang an so sein, wie wir sein wollen?“.

Da es aber vermutlich als „No Go in Business-Meetings“ gilt, sein Gegenüber zu schütteln, lasse ich es bleiben.

Eigentlich können sie nichts dafür. Ich bin nur so aufgebracht, weil ich wünschte, ich hätte in meinen Jugendjahren gewusst, dass Normalsein allerhöchstens in der Schulzeit irgendeinen Stellenwert hat und danach, ähnlich wie Freundschaftsbücher und Mannschaftssport, vollkommen irrelevant wird.

Doch das Schlimmste: Diese 30 Minuten, in denen ich mich normal verhalten habe, unfreundlich zu meiner Familie war und Zimtschnecken verschmähte, bekomme ich nie wieder zurück.

– Michael

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15 Comments

  1. Michael "thelostboy" 26. Dezember 2016 / 4:04 pm

    Story of my Life 🙂 Sehr schön geschrieben. Habe leider auch zu viel Zeit damit verbracht, „normal“ sein zu wollen.

    • Michael 31. Dezember 2016 / 8:44 am

      Danke dir! Dafür bist du jetzt ein wunderbarer Schmetterling 🙂 Ich wünsche einen guten Rutsch ins kommende Jahr!

  2. Viktor 26. Dezember 2016 / 5:15 pm

    Tolle Geschichte! Spricht aus meiner Seele.

  3. Thomas Riedlsperger 26. Dezember 2016 / 6:01 pm

    Hallo Michi!
    Der Text ist eifach wunderbar! So wahr und so unterhaltsam. Ich kann deine Gedanken genau nachvollziehen, denn mir ging es lange auch so. Ich hab aber seit ich im Gymnasium bin einfach damit aufgehört mich anzupassen, und bin sehr glücklich damit.
    LG Thomas

    • Michael 31. Dezember 2016 / 8:45 am

      Das ist bestimmt eine gute Entscheidung – freut mich, dass du glücklich bist!

  4. Esther 26. Dezember 2016 / 6:52 pm

    Hallo Michael, ich finde den Artikel wirklich gut!
    Als ich 10 war versuchte ich „normal“ zu sein um Freunde zu haben, was jedoch in Mobbing endete, da ich nicht mehr nach ihren Nasen tanzen wollte. Mittlerweile hab ich das „Normal sein“ aufgegeben und muss ehrlich sagen, dass das die beste Entscheidung meines Lebens war. „Normal“ sein ist langweilig! „Normal“ kann man nicht definieren. Für jeden ist „normal“ etwas anderes und das ist gut so.
    Lg aus Salzburg

    • Michael 31. Dezember 2016 / 8:47 am

      Juhu, dann freut es mich sehr für dich, dass du diese Entscheidung getroffen hast! Ich schicke liebe Grüße!

  5. Nessie 26. Dezember 2016 / 11:21 pm

    Erstmal: Ja, für Zimtschnecken würde ich auch alle Vorhaben unterbrechen. Aber gut, deshalb kommentiere ich jetzt nicht.

    Mir ging es in meiner Schulzeit genauso. Ich war ebenfalls unbeliebt wie wahrscheinlich keine andere in meiner Klasse und meine (ebenfalls wenigen) Freunde, von denen nicht eine oder einer in meine Klasse gingen, waren es auch, was mich noch weniger normal machte als die anderen, da ich meine Zeit ja mit unnormalen Menschen verbrachte. Ich war in jeder Pause so unendlich froh endlich aus diesem Klassenraum heraus zu sein, auf den Schulhof gehen zu können um mich mit einer Freundin über Dinge wie ihre Liebe für’s Schauspiel oder meine Texte und Zeichnungen unterhalten zu können. Mir war auch in den höheren Klassenstufen, in der Zeit, in der wir Mädchen normalerweise anfangen uns zu schminken, weil es anscheinend so sein muss um normal zu sein, auch das völlig egal und ich hab erst sehr spät damit angefangen. Zusätzlich saß ich eben im Unterricht da und zeichnete oder schrieb. Alle anderen taten… nun, andere Dinge eben. Dinge, die man anscheinend tun musste um normal zu sein. Ich hab damals sehr oft darüber nachgedacht aber mir viel es nicht leicht mich anzupassen, weil ich eben einfach bin wie ich bin und somit ließ ich es bleiben und durchlebte meine Schulzeit als ein Mädchen, dass „nicht normal“ war, was mit…keine Ahnung… 14, 15, 16 Jahren nicht so einfach war.

    Heute ist es mir so egal, was die anderen damals von mir dachten. Ich möchte nicht sein wie irgendjemand anderes und mich anpassen, ich möchte aber auch nicht zwanghaft herrausstechen. Wenn jemandem gefällt was ich tue und wie ich bin, dann ist das so und dann freut mich das. Und wenn das Gegenteil der Fall ist, dann ist das eben auch so.

    „Normal“ sollte ein Begriff sein, den man von klein auf damit assoziiert, dass es eben einfach so ist, dass es verschiedene Charaktere gibt. Dass es normal ist, wenn Menschen sich voneinander unterscheiden oder unterschiedliche Interessen haben. Niemand sollte sich wünschen müssen normal zu sein um Zeit mit Dingen zu verschwenden, die sie eigentlich nicht tun würden. Zeit, die man für sich sinnvoll und schön hätte gestalten können.

    Normalsein ist irrelevant, wie du schon sagst. Schade nur, dass es so wenige verstehen oder ja, es manchmal erst sehr spät begreifen.

    Bevor ich jetzt noch endlos weiterschreibe (Ich steigere mich gerade sehr in das Thema herein), eigentlich hätte ich diesen Kommentar auch viel kürzer fassen können: Du triffst es auf den Punkt.

    Das wollte ich nur kurz loswerden. So.

    Liebe Grüße

    Nessie

    • Seline 27. Dezember 2016 / 8:08 am

      Ich hätte hier keinen besseren Kommentar verfassen können. Danke Nessie, du hast mir aus der Seele gesprochen!

      Liebst, Seline

    • Michael 31. Dezember 2016 / 8:43 am

      Danke für dein nettes und so gut formultiertes Feedback, Nessie! Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Beste Grüße!

  6. Alice 27. Dezember 2016 / 10:20 am

    Mir ebenfalls Nessie, es ist toll zu sehen das es andere menschen mit der gleichen vergangenheit gibt die ebenfalls ihren weg gefunden haben und sich nicht von engstirnigen menschen beeinflussen lassen! Danke dafür und es lebe der freie geist in uns allen!

    Alice

  7. Smith 27. Dezember 2016 / 10:29 am

    Das ist doch Satire oder? Das kann nur Satire sein xD
    Was bitteschön empfindet der Autor denn als normal?

    Meine Güte, dass man sich über so etwas nur so viel Zeit zum Nachdenken
    vergeuden kann…

  8. Lavinia 4. Januar 2017 / 3:51 pm

    Toll geschrieben, lieber Michi. Muss ich gleich ein paar Freunden schicken, so ein Text muss verbreitet werden;D

    Liebe Grüsse aus Zürich!

  9. Sonja 3. Februar 2017 / 9:35 am

    Ich hab die immer gemocht, die „anders“ sind und hab die immer beneidet, dass sie das können <3

  10. Mein Leben als Psycho 3. Mai 2017 / 1:10 pm

    Vielen Dank für diesen Artikel lieber Michael!

    Ich hasse den Begriff normal! Es gibt auf dieser Welt kein normal! Jeder nimmt die Welt anders wahr, somit hat jeder schon mal eine andere Definition von Normalität. Nur weil uns Medien und Co. Ideale zeigen, denen sie nicht mal selber entsprechen, ist jemand plötzlich merkwürdig, verrückt oder doof.

    Manchmal habe ich den Impuls in der U-Bahn laut zu singen, einfach um etwas zu machen, was in unserer Gesellschaft als abnormal gilt, oder zuzugeben wie sehr im Sonne hasse, oder einer nervigen Bekannten einfach mal die Meinung zu sagen,…Aber ich traue mich nicht. Und warum nicht? Weil ich Angst habe, ausgestoßen zu werden, komisch angesehen zu werden oder abgwertet zu werden.

    Ich wünsche mir, dass wir alle unseren inneren Psycho freien Lauf lassen! Dadurch wird die Welt nicht nur um einiges bunter, sondern auf jeden Fall auch lustiger!
    Herzliche Grüße, Julia der Psycho 😉

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