Warum bin ich so langweilig?

An einem Freitagabend, als ich mit einer Freundin beim Essen über den Steuerausgleich sprach, wusste ich, dass es Zeit für eine Veränderung war. Es schien, als hätten wir einen Artikel zum Thema „EXTREM langweilige Gesprächsthemen für jede Situation!“ gelesen.

Neben dem Steuerausgleich erörterten wir Fragen wie „Wo kauft man den besten Käse?“ und „Wie kann man Mandelmich selbst machen?“ „So kann es unmöglich weitergehen“, dachte ich mir, während ich meinen Weißwein exte. „Ich bin 23 und es ist Freitagabend! Was diskutieren wir wohl als nächstes? Bingo? Bestattungsunternehmen?“

Irgendwann im Laufe der letzten beiden Jahre habe ich mich von einem agilen, jungen Mann, der gerne mal an drei Tagen die Wochen sein Tanzbein in der Diskothek schwingt in einen grummeligen, bequemen Typen verwandelt, der nicht mehr ausgeht und Worte wie „Diskothek“ und „Tanzbein“ verwendet. Bitte stoppt mich, bevor ich lärmenden Teens nach 22 Uhr aus dem Fenster gelehnt mit einer Heuschaufel drohe.

„Treffen wir uns morgen nochmal, aber dann gehen wir auf eine Party!“, sagte ich also zu meiner Freundin, die mich ansah, als hätte ich ihr gerade einen flotten Dreier mit unserem fünfzigjährigen Kellner vorgeschlagen. „Okay…“ antworte sie zögerlich.” Es gibt da so einen neuen Club in meiner Gegend, vielleicht könnten wir da hingehen?“.

„Okeydokey, Baby!“, sagte ich und hoffte, dass sich dieser flotte Spruch, nun, da ich wieder cool und hip war, als meine neue Catchphrase durchsetzen würde.

Was mich am Ausgehen am meisten stört, ist, dass es dafür immer so spät sein muss. Als ich einmal in Berlin gewohnt habe, hat mir ein Freund am Telefon vorgeschlagen, ihn um 2 Uhr in einer Bar zu treffen. Entzückt, jemanden gefunden zu haben, der meine Liebe fürs Tagsüber-Trinken teilte, packte ich meine sieben Sachen und machte mich am frühen Nachmittag auf den Weg in die Bar.

„Was soll das? Wo bleibst du?“, fragte ich ihn am Telefon, 15 Minuten nach unserer abgemachten Zeit. „Michael…“ seufzte er in sein Handy.” Ich meinte zwei Uhr nachts.“ Vor Schock wäre mir fast die Olive zurück in den Martini gefallen. Die einzige Person, die ich um zwei Uhr nachts treffen möchte, ist Zac Efron, von dem ich meist gegen 22 Uhr zu träumen anfange.

So konnte ich Martina überzeugen, mich um 23 Uhr (auch schon spät, wie ich finde!) im Club zu treffen, wo sich tatsächlich schon einige Menschen tummelten. Irgendwie hatte ich erwartet, dass wir durch die Eingangstür spazieren würden und uns sofort eine Erleuchtung zu Füßen liegen würde. „Aaah, das ist es also, was wir all die Jahre verpasst haben!“, würden wir wohl sagen und anfangen zu tanzen wie Dieter Bohlen in den 80ern.

Da meine Begleitung, ähnlich wie ich, Pensionistin gefangen im Körper einer Mitzwanzigerin ist, blieb dieser Effekt jedoch aus. So ging ich eiligen Schrittes zur Bar und bestellte uns zwei Tequila, die uns in Partylaune versetzen sollten. Auch das funktionierte nicht, aber stattdessen verwandelten wir uns in eine leicht angetrunkene Version von Waldorf und Statler, woraufhin wir eine kompakte Liste an all den Dingen, die uns am Klub störten, zusammenstellten:

– Die Musik war zu laut. Als mir ein fremder Mann eine Frage gestellt hat, habe ich sie akustisch nicht verstanden und einfach „Ja“ gesagt. Rein theoretisch könnten wir jetzt verlobt sein.

– Zu komisches Licht! Im Club verteilt waren Neonröhren und in manchen Bereichen auch Schwarzlicht. Absolut toll für einen Club, auf dessen Sitzgelegenheiten unter Schwarzlicht mehr Flüssigkeiten sichtbar werden, als auf den Bettdecken eines „Love Motel“.

– Zu teuer! Nach 10€ Eintritt und 5€ für Tequila konnte ich mich gerade noch davon abhalten, etwas Beknacktes wie „Zu meiner Zeit konnte man dafür ZEHN SONNENSCHIRME kaufen!“ zu brüllen.

Obwohl mir noch immer schleierhaft bleibt, wieso ich im Alter von 16 bis 20 jede zweite Nacht in Clubs wie diesem verbracht habe, hatte ich mit Martina auf jeden Fall mehr Spaß als in der Nacht zuvor. Durch unsere gemeinsame Abneigung gegen diesen Club habe ich mich ihr so verbunden gefühlt, wie schon lange nicht mehr und keiner von uns hat auch nur ansatzweise das Thema „Steuerausgleich“ angesprochen.

„Wollen wir dann gehen?“, fragte meine Begleitung mich gegen halb eins. Der Club würde wohl nicht spannender werden und außerdem wartete zuhause ein Traum-Date mit Zac Efron auf mich. „Okeydokey, Baby!“, sagte ich und wir verschwanden durch die Tür.

– Michael

Mein Buch, „Der Letzte macht den Mund zu“, erscheint am 14. Juli: http://amzn.to/2oVTCxE

 

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2 Comments

  1. Lena 8. Mai 2017 / 1:27 pm

    Ja, ich frage mich auch, wer darauf gekommen ist, die Clubs in Berlin um 11 zu öffnen sodass man dann so je nach Schlange und BVG-Laune gegen drei drinsteht.

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