Mein Leben als Fashion-Blogger

Es ist ein gängiger Irrtum um meine Person, dass ich mich brennend für Mode interessiere. Nur, weil ich einen Blog betreibe und einmal im Jahr 2013 ein Outfit getragen habe, das drei Leute als „cool“ bezeichneten, halten mich 90% der Menschen in meinem Umfeld nun für einen „Fashion Blogger“ und wollen wissen, was ich von der neuen Givenchy-Kollektion oder „Peplum“ als Modetrend halte.

Die Wahrheit ist: Mode ist mir wirklich nicht so wichtig. Bis vor Kurzem dachte ich, dass Balenciaga und Baklava ein und dieselbe Sache sind. Meinen aktuellen Kleidungsstil würde ich als „Ich ziehe gerade um und all meine gute Kleidung ist bereits in den Umzugskisten!“ bezeichnen. Manchmal beneide ich Gefängnisinsassen, weil sie sich nicht jeden Tag aufs Neue überlegen müssen, was sie anziehen.

Umso mehr mag es also überraschen, dass ich ob meines Fashion-Blogs (der, wie ich euch erinnern darf, nicht existiert) oftmals zu schicken Mode-Events eingeladen werde. Anfangs weigerte ich mich, diese zu besuchen – einerseits, da ich diese Veranstaltungen für äußerst oberflächlich hielt und andererseits aus Angst, es könne sich um eine Falle handeln: Sobald ich aufkreuzte, würden die versammelten Modeblogger bestimmt über mich urteilen, mich vor eine Wand stellen und mich dann erschießen, weil ich mich immer so gammelig anziehe.

Da auf einer der neueren Einladungen jedoch von „Food & Drinks“ die Rede war, beschloss ich letztens kurzerhand, auf eines dieser Events zu gehen. Anfangs verlief der Smalltalk schwierig: In ständiger Angst, aufgrund meiner modischen Unbeholfenheit verurteilt zu werden, versuchte ich, die Unterhaltung von Themen wie „Schnitte und Stoffe“ abzubringen und mehr die Rubrik „Faszination Falafel“ (ein Thema, bei dem ich mich wirklich gut auskenne) anzusteuern. Niemand ging darauf ein.

„Ach, ich muss heute noch zu zwei weiteren Events“, seufzte mir ein Modeblogger stattdessen ins Ohr und es fiel mir schwer, Mitleid zu empfinden. Noch mehr gratis Brötchen und Champagner? Die Welt war wirklich ein unfairer Ort. In einem Moment des Übermuts verdrehte ich also meine Augen und seufzte ebenfalls. „Wirklich furchtbar!“, gab ich sarkastisch zurück und wurde mit einem verletzten Blick belohnt.

„Weißt du, Michael, das ist mein Beruf und er ist manchmal wirklich anstrengend. Von dir hätte ich mir nicht gedacht, dass du über mich urteilst!“. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen: Das ganze Event hatte ich Sorge, die übrigen Gäste würden über mich urteilen, obwohl der einzige, der hier urteilte, ich selbst war.

Spätestens seit diesem Abend habe ich meine Vorurteile abgelegt: Ich interessiere mich noch immer nicht brennend für Mode, aber habe zumindest keine Angst mehr, von Mode-Menschen verurteilt oder gar erschossen zu werden – im Endeffekt sind wir doch alle gleich. Mittlerweile gehe ich sogar ganz gerne zu solchen Events – zumindest bis die Leute herausfinden, dass ich eigentlich gar kein Modeblogger bin.

– Michael

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